Ich habe mich entschieden, nachdem ich nun offiziell diagnostiziert bin, einen möglichst offenen Umgang zu pflegen, auch um mehr Bewusstsein für dieses Thema zu schaffen.
Nachdem das Forum seit vielen Jahren eigentlich DER Sozialraum ist, der für mich am besten funktioniert, ein richtig toller Safe Space ist und ich die Mitglieder hier so schätze, möchte ich gern mein neues Wissen über mich selbst hier ganz öffentlich teilen.
Ich bin neurodivergent und meine Diagnose ist eigentlich ein Zufallstreffer. Ich war aus einem völlig anderen Grund Anfang des Jahres bei einer Neurologin. Die hat mich dann gefragt, ob ich ADHS habe. Als erste Reaktion habe ich gelacht und negiert- weil ich ja pünktlich bin und Leute mit ADHS unpünktlich sind.

Dann habe ich mich mit dem Thema gründlicher auseinandergesetzt, auch im Rahmen meiner Psychotherapie. Es hat sich herausgestellt, dass auch meine Tochter deutliche Anzeichen von ADHS trägt und sie wurde Ende des Schuljahres auf eigenen Wunsch hin getestet- und hat seither die Diagnose. Ich habe mich dann entschieden, die psychologische Diagnostik auch bei mir durchführen zu lassen, mit Verdacht auf ADHS und Autismus. Die ADHS Diagnose hat sich mit großer Eindeutigkeit und weit überdurchschnittlichen Resultaten bestätigt. Die Autismusdiagnose wurde letztlich nicht gestellt, obwohl ich durchaus autistische Züge habe. Es ist allerdings ein Spektrum und meine Werte waren nirgends so hoch, dass es als Störung klassifiziert wird.
Ein bisschen Info, was Neurodivergent überhaupt bedeutet- da ich mich auch erst seit kurzem damit auseinandersetze und auch viel (falsches) Halbwissen hatte:
-) das ist eine angeborene Störung, keine Krankheit (und nicht heilbar, aber therapier- und behandelbar)
-) Reiz- und Informationsverarbeitung: während neurotypische Gehirne Filter haben, um unwesentliches Auszublenden,machen neurodivergente Gehirne das nicht. Das führt oft zu Erschöpfung und Overload.
-) Neurotransmitter im Gehirn werden anders reguliert- das verändert Aufmerksamkeit, Handlungsinitiierung, kognitive Flexibilität
-) denken findet sehr vernetzt statt, Schritt für Schritt verarbeiten funktioniert nicht - das kann bei komplexen Problemlösungen auch begünstigend wirken
-) Masking: Neurodivergente Menschen wenden enorm viel Energie dafür aus, das Verhalten neurotypischer Personen zu imitieren, um sozial möglichst nicht aufzufallen
Nachteile von Neurodivergenz:
-) unser Sozialleben ist auf neurotypische Personen ausgerichtet
-) Overloard/ Erschöpfung des Nervensystems durch Reizüberflutung
-) erhöhter Energieaufwand durch Masking/ man ist selten man selbst
-) Probleme mit Emotionsregulation
-) Standardisierte Ausbildungs- und Arbeitssituationen sind meist schwer bewältigbar
Vorteile von Neurodivergenz:
-) vernetztes Denken, Querverbindungen herstellen
-) Hyperfokus: bei entsprechendem Interesse enorme Konzentrations- und Leistungsfähigkeit, hohe Ausdauer bei Spezialaufgaben
-) hohe Detailwahrnehmung und Spezialwissen
-) Hochsensibilität bei Sinneswahrnehmungen kann Vorteil sein
-) schnelle Impulsverarbeitung ermöglicht schnelle Entscheidungen
Meine persönlichen Erfahrungen:
-)Ich habe mich immer "anders" gefühlt, das auch artikuliert. Ich hatte in sozialen Gefügen immer große Probleme, vor allem in der Schule, aber auch am vorigen Arbeitsplatz.
-) ich konnte in der Schule trotz hoher Merkfähigkeit immer nur in einzelnen, Fächern sehr gute (da aber herausragende) Leistungen erbringen. Die restlichen Noten waren mäßig.
-) Ich habe Misophonie (extreme Überempfindlichkeit bei Geräuschen)- wenn ich das artikuliert habe, wurde ich in der Kindheit von älteren Verwandten oft aufgezogen damit, dass ich so empfindlich bin
-) ich habe extreme Berührungsempfindlichkeit /starkes, taktiles Empfinden in einzelnen Körperregionen, vor allem am Kopf. Ich kann keine Kopfhörer tragen (sehr undankbare Kombi mit der Misophonie, weil die erste Empfehlung immer Noise Cancelling Kopfhörer sind) - und verstehe jetzt warum Maskentragen während Corona mir enorme Schmerzen verursacht hat, die Leute aber schlicht nicht nachvollziehen, warum das so furchtbar für mich ist und ich nicht verstanden habe, warum das nicht alle so furchtbar finden. Mein Leiden war nicht eingebildet, es war für mein Nervensystem schlicht nicht ausblendbar- für mich war das Gewicht der Masken viel schwerer, als für die meisten Menschen.
-) ich kann Geräusche in einem Raum, die unterschiedlich laut usw. sind nicht filtern. Deswegen kann ich auch mit Musik nicht soviel anfangen- ich kann das schlecht differenzieren, wenn da zB verschiedene Instrumente spielen. Das irritiert mich eher. Volle Lokale sind für mich wesentlich anstrengender, weil ich ALLE Geräusche, jedes Besteckklappern immer sehr laut höre. Dieses Geräuschfilterproblem war auch immer in der Schuhe ein Problem, bei Frontalunterricht. Ich habe jeden Radiergummi gleich laut gehört, wie die Stimme vom Lehrer.
-) ich war immer schon unordentlich, weil ich schlicht keine Systematiken für Ordnung finden kann. Deswegen ist jede Form der Hausarbeit für mich wahnsinnig anstrengend.
-) ich verliere meine Aufmerksamkeit- deswegen gehen mir dauernd die Nudeln über, deswegen stoße ich mich dauernd wo an usw.
-) Autofahren!: meine Raumwahrnehmung ist anders und Autofahren ist mit permanenten, differenten Reizen verbunden. Deswegen strengt es mich so an und deswegen kann ich manche Dinge mit normalen Erklärungen auch nicht umsetzen
Das sind nur ein paar wenige Aspekte fürs erste. Ich bin selbst noch dabei, Wissen zu erwerben und nun auch Strategien zu finden, die mir meinen Alltag erleichtern können. (U.a. einen Monsieur Cuisine als Investition zu sehen, alleine damit die blöden Nudeln nicht mehr Überkochen). Ein Teil meiner Strategie ist auch, zu kommunizieren, dass ich anders funktioniere. Dass ich andere Bedürfnisse habe. Meine ersten Erfahrungen damit waren sehr positiv, die meisten Leute sind sehr rücksichtvoll und hilfsbereit.
Wie es mir nun geht: für mich ist es eine Erklärung, für viele, viele Dinge die mir immer komisch vorgekommen sind. Ein bisschen ist es natürlich frustrierend zu wissen, dass manche Dinge einfach nie so funktionieren werden, wie bei anderen Menschen. Aber für viele Dinge gibt es wirklich super Strategien und insgesamt bin ich froh, diese Information nun zu haben und mich selbst nun wesentlich besser zu kennen. Und dazu kommt, dass ich meine Tochter (die mit Eintritt in die Oberstufe- wie ich damals auch) in der Schule sehr zu kämpfen begonnen hat, nun ganz anders unterstützen kann.